1Unter dem Obersten Priester Onias[1] herrschten in der heiligen Stadt Jerusalem Frieden und Wohlstand. Die Bürger hielten sich genau an die Gesetze, weil auch Onias selbst den Herrn ernst nahm und alles Unrecht hasste.2Immer wieder kam es vor, dass sogar Könige den Tempel ehrten und ihn mit den kostbarsten Geschenken bedachten. (Ps 68,30)3Seleukus,[2] der König von Vorderasien, bestritt sogar aus seinen Einkünften alle Kosten für den Opferdienst im Tempel.4Die Verwaltung des Tempels lag jedoch damals in den Händen eines gewissen Simeon, eines Nachfahren von Bilga. Dieser Simeon zerstritt sich mit Onias über Fragen der städtischen Marktordnung. (1Chr 24,5; Neh 12,2; Neh 12,12)5Da er sich gegen den Obersten Priester nicht durchsetzen konnte, wandte er sich an Apollonius, den Sohn von Thraseas, der damals Oberbefehlshaber in Zölesyrien und Phönizien war.6Er erzählte ihm, der Tempelschatz in Jerusalem sei unvorstellbar reich; das Geld sei gar nicht zu zählen. Da das wenigste davon für die Beschaffung der Opfer gebraucht würde, könnte man es ohne Weiteres der Verfügungsgewalt des Königs unterstellen.
Heliodor in Jerusalem
7Als Apollonius mit dem König zusammentraf, berichtete er ihm von dem Geld, von dem Simeon ihm erzählt hatte. Darauf gab der König seinem Kanzler Heliodor den Auftrag, nach Jerusalem zu gehen und sich das Geld aushändigen zu lassen.8Heliodor machte sich sofort auf den Weg. Er tat so, als wolle er die Städte in Zölesyrien und Phönizien inspizieren, in Wirklichkeit aber ging es ihm nur darum, den Auftrag des Königs auszuführen.9Als er nach Jerusalem kam, wurde er vom Obersten Priester und den Bürgern der Stadt freundlich empfangen. Doch dann kam er auf den Grund seines Besuches zu sprechen und wollte wissen, ob die Angaben über den Tempelschatz zutreffend seien.10Der Oberste Priester erklärte darauf, bei dem Geld handle es sich um Beträge, die Witwen und Waisen dort für sich hinterlegt hätten,11zum Teil auch um Einlagen von Hyrkanus, dem Sohn Tobijas, einem hochgestellten und einflussreichen Mann. Die Angaben des ruchlosen Simeon seien eine freche Lüge und die gesamte Summe betrage nur 40 Zentner Silber und 200 Zentner Gold.12Dieses Geld herauszugeben sei ganz und gar unmöglich; es wäre ein schweres Unrecht gegenüber den Menschen, die es im Vertrauen auf die Heiligkeit des Ortes und die Würde und Unantastbarkeit des weltberühmten Heiligtums im Tempel hinterlegt hätten.13Heliodor aber berief sich auf den Befehl des Königs und bestand darauf, dass die Gelder dem königlichen Schatz zuzuführen seien.
Das Volk von Jerusalem betet
14Dann setzte er einen Termin fest und erschien im Tempel, um sich einen Überblick über die vorhandenen Gelder zu verschaffen. Große Unruhe befiel alle Menschen in der Stadt.15Die Priester warfen sich in ihren Priesterkleidern vor dem Altar nieder und riefen zu Gott, er möge für die Sicherheit des Geldes sorgen, das im Tempel hinterlegt worden sei; denn er selbst habe doch das Gesetz über anvertrautes Gut gegeben. (2Mo 22,6)16Wer den Obersten Priester sah, war tief erschüttert: Er war ganz bleich im Gesicht und an seinen Zügen war abzulesen, wie der Schmerz in ihm tobte.17Er zitterte am ganzen Leib vor Angst und Sorge und alle konnten erkennen, was er in seinem Herzen litt.18Scharenweise stürzten die Leute aus den Häusern und versammelten sich zum öffentlichen Gebet, um den Schaden abzuwenden, der dem Ansehen des Tempels drohte.19Frauen mit dem Sack bekleidet, die Brust entblößt, füllten die Straßen; die jungen Mädchen, die von ihren Eltern im Haus festgehalten wurden, liefen an die Tür oder zum Fenster oder an die Hofmauer.20Sie alle streckten ihre Hände zum Himmel aus und flehten zu Gott um Hilfe.21Es war zum Erbarmen, wie das Volk sich wild durcheinander zum Gebet niederwarf und der Oberste Priester von Angst und Sorge gequält wurde.
Gott beschützt seinen Tempel
22Während das Volk von Jerusalem Gott, den Herrscher der Welt, anflehte, er möge das Geld schützen, das im Tempel hinterlegt worden war,23machte Heliodor sich ans Werk und wollte sein Vorhaben ausführen.24Schon stand er mit seinen Leibwächtern in der Schatzkammer, da ließ ihn der Herr aller Geister und Gewalten eine schreckenerregende Erscheinung sehen. Heliodor und alle, die es gewagt hatten, mit ihm die Kammer zu betreten, bekamen die Macht Gottes auf eine Weise zu spüren, dass sie vor Angst wie gelähmt dastanden.25Sie sahen ein Pferd, mit herrlichem Geschirr geschmückt, und auf ihm einen Reiter in goldener Rüstung, dessen Anblick Furcht und Schrecken einflößte. Das Pferd stürmte auf Heliodor los, bäumte sich vor ihm auf und schlug mit seinen Vorderhufen auf ihn ein. (2Mak 2,21)26Zugleich erschienen zwei junge Männer in strahlendem Gewand und von ungewöhnlicher Kraft und Schönheit. Sie traten, der eine von rechts, der andere von links, an Heliodor heran und peitschten ihn unbarmherzig aus.27Heliodor stürzte zu Boden und sah sich plötzlich in tiefe Finsternis versetzt. Man hob ihn auf, legte ihn auf eine Bahre28und trug ihn hinaus. Er, der soeben erst mit großem Gefolge und mit seiner ganzen Leibgarde in die Schatzkammer eingedrungen war, wurde nun, hilflos mit all seinen Waffen,[3] hinausgetragen, nachdem Gott ihm seine Macht sichtbar gezeigt hatte.29Da lag er nun also, hingestreckt durch Gottes Eingreifen; er konnte nicht mehr reden und es bestand keine Hoffnung, dass er mit dem Leben davonkommen würde.30Das Volk von Jerusalem aber pries den Herrn, weil er seinen Tempel auf so wunderbare Weise geschützt hatte. Eben waren im Tempel noch alle voller Angst und Verwirrung gewesen, jetzt jubelten sie in überschwänglicher Freude: Der Herrscher der ganzen Welt hatte offen seine Macht gezeigt.
Onias betet für Heliodor
31Während Heliodor in den letzten Zügen lag, baten einige seiner Freunde den Obersten Priester Onias, er möge doch für ihn zum höchsten Gott beten und ihm das Leben retten.32Onias hatte Angst, der König könnte denken, die Juden hätten Heliodor umgebracht. Deshalb brachte er Gott ein Opfer und betete für Heliodor.33Während der Oberste Priester das Sühneopfer vollzog, sah Heliodor wieder dieselben jungen Männer mit dem strahlenden Gewand, die ihm in der Schatzkammer des Tempels erschienen waren. Sie sagten zu ihm: »Du bist dem Obersten Priester Onias großen Dank schuldig; um seinetwillen schenkt der Herr dir das Leben!34Und nachdem du vom Himmel herab ausgepeitscht wurdest, verkünde jetzt allen Menschen, wie groß und mächtig Gott ist!« Nach diesen Worten verschwanden sie wieder.
Heliodor verkündet die Macht Gottes
35Heliodor ließ nun auch seinerseits dem Herrn ein Opfer darbringen und gelobte, ihm reiche Geschenke zu machen, weil er ihm das Leben geschenkt hatte. Danach verabschiedete sich Heliodor von Onias und kehrte mit seinem Gefolge zum König zurück.36Überall verkündete er, was der Herr, der größte aller Götter, getan hatte und was er ihn mit eigenen Augen sehen ließ.37Als der König ihn fragte, wen er denn jetzt noch nach Jerusalem schicken könnte, gab Heliodor zur Antwort:38»Wenn du einen Feind hast oder einen Mann weißt, der dir die Herrschaft streitig machen möchte, dann schick ihn hin! Er wird ausgepeitscht zu dir zurückkommen – wenn er überhaupt am Leben bleibt; denn wahrhaftig: An jener Stätte wirkt eine gewaltige göttliche Macht.39Der Gott, der im Himmel seine Wohnung hat, wacht über diesen Tempel und schützt ihn und er bringt jeden um, der in böser Absicht dorthin kommt.«40So also erging es Heliodor und so wurde der Tempelschatz vor Plünderung bewahrt.
GÖTTLICHES GERICHT ÜBER DEN TEMPELSCHÄNDER HELIODOR
1Die Bewohner der Heiligen Stadt lebten in tiefem Frieden und hielten die Gesetze aufs Schönste; denn der Hohepriester Onias war ein frommer Mann und hasste alles Böse.[1]2Es kam sogar vor, dass selbst die Könige den Ort ehrten und den Tempel durch kostbarste Weihegaben berühmt machten.3So bestritt auch Seleukus, der König von Asien, aus seinen eigenen Einkünften alle Aufwendungen, die für den Opferdienst entstanden.4Ein gewisser Simeon aus dem Stamm Benjamin war als Tempelvorsteher eingesetzt worden. Er überwarf sich mit dem Hohepriester wegen der Marktordnung in der Stadt.5Weil er sich gegen Onias nicht durchsetzen konnte, ging er zu Apollonius, dem Sohn des Tharseas, der damals Befehlshaber in Koilesyrien und Phönizien war.6Er erzählte ihm, der Tempelschatz in Jerusalem sei voll von unvorstellbaren Reichtümern; unzählbar sei die Menge des Geldes. Sie stehe in keinem Verhältnis zu dem, was man für die Opfer aufwenden müsse, und lasse sich leicht für den König beschlagnahmen.7Als Apollonius mit dem König zusammentraf, berichtete er, was man ihm über die Gelder hinterbracht hatte. Der aber bestimmte seinen Kanzler Heliodor und sandte ihn mit dem Auftrag, sich die erwähnten Gelder ausliefern zu lassen.8Heliodor machte sich sofort auf die Reise, angeblich um die Städte in Koilesyrien und Phönizien zu besuchen, in Wirklichkeit jedoch, um das Vorhaben des Königs auszuführen.9Als er nach Jerusalem kam, wurde er vom Hohepriester der Stadt freundlich empfangen. Da gab er bekannt, welche Anzeige gemacht worden sei, und teilte den wahren Grund seiner Anwesenheit mit. Er fragte, ob sich die Sache in Wahrheit so verhalte.10Der Hohepriester erklärte ihm, es handle sich um hinterlegtes Gut von Witwen und Waisen;11ein Teil gehöre auch Hyrkanus, dem Sohn des Tobija, einem Mann von höchstem Ansehen, nicht wie der ruchlose Simeon gelogen hatte. - Alles zusammen belaufe sich nur auf vierhundert Talente Silber und zweihundert Talente Gold.12Man dürfe aber doch denen nicht Unrecht tun, die ihr Vertrauen auf die Heiligkeit des Ortes und auf die Würde und Unantastbarkeit des auf der ganzen Welt verehrten Heiligtums gesetzt hätten.13Der andere aber erklärte aufgrund der königlichen Befehle, dass dies alles für die königliche Schatzkammer zu beschlagnahmen sei.14Am festgesetzten Tag schickte er sich an hineinzugehen, um eine Untersuchung der Schätze anzustellen. Da geriet die ganze Stadt in nicht geringe Bestürzung.15Die Priester warfen sich in ihren heiligen Gewändern vor dem Altar nieder und riefen den Himmel an: Er habe die Hinterlegung von Geld durch Gesetze geordnet; so solle er es jetzt denen, die es hinterlegt hatten, unversehrt bewahren.16Wer aber die Gestalt des Hohepriesters sah, dem blutete das Herz. Wie er aussah und wie sein Gesicht sich verfärbt hatte, verriet seine innere Qual.17Denn Furcht und Zittern hatten den Mann befallen und er bebte am ganzen Leib. Allen, die ihn sahen, wurde der Schmerz seines Herzens offenbar.18Die Leute stürzten in Scharen aus den Häusern heraus zum öffentlichen Gebet, da dem heiligen Ort Schande drohte.19Die Frauen zogen Trauerkleider an, die die Brüste freiließen, und drängten sich auf die Straßen. Von den jungen Mädchen aber, die man sonst eingeschlossen hielt, liefen die einen an die Tore, andere auf die Mauern, einige aber beugten sich aus den Fenstern heraus.20Sie alle streckten die Hände zum Himmel empor in inständigem Bittgebet.21Es war zum Erbarmen, wie die Menge sich in heillosem Durcheinander zu Boden warf und wie der Hohepriester sich in Erwartung des Kommenden furchtbar ängstigte.22So riefen sie den allmächtigen Herrn an, er möge das anvertraute Gut denen, die es anvertraut hatten, unversehrt und ganz sicher bewahren.23Heliodor jedoch machte sich daran, seinen Entschluss auszuführen.24Schon stand er mit der Leibwache an der Schatzkammer. Da ließ der Herr der Geister und aller Macht eine gewaltige Erscheinung sichtbar werden. Alle, die ihn frech begleitet hatten, erschraken vor Gottes Macht; vor Angst verließen sie ihre Kräfte.25Denn es erschien ihnen ein Pferd mit einem schrecklichen Reiter darauf; das Pferd war mit prächtigstem Geschirr geschmückt. Es stürmte wild auf Heliodor ein und traf ihn mit den Vorderhufen. Sein Reiter aber erschien in goldener Rüstung.26Noch zwei andere junge Männer erschienen, voll gewaltiger Kraft, in strahlender Schönheit und herrlich gekleidet. Sie traten auf Heliodor zu und peitschten von beiden Seiten auf ihn ein; pausenlos schlugen sie mit vielen Hieben auf ihn ein.27Da stürzte er zu Boden und es wurde ihm schwarz vor den Augen. Man hob ihn auf und legte ihn auf eine Bahre.28Eben noch war er mit großem Gefolge und der ganzen Leibwache in die genannte Schatzkammer eingetreten; nun trug man ihn hilflos hinaus. Deutlich hatte man Gottes Herrschermacht erkannt.29So lag er da, durch Gottes Macht gestürzt, der Sprache beraubt, ohne jede Hoffnung auf Rettung.30Die Juden aber priesen den Herrn, der an seinem Ort so wunderbar seine Herrlichkeit gezeigt hatte; und das Heiligtum, eben noch voll von Angst und Verwirrung, war erfüllt von Freude und Jubel; denn der allmächtige Herr hatte sich offenbart.31Sehr bald aber baten einige Vertraute Heliodors den Onias, er möge doch den Höchsten anrufen und so dem das Leben schenken, der in den letzten Zügen lag.32Aus Sorge, der König könne der Meinung verfallen, Heliodor sei einem hinterhältigen Anschlag der Juden zum Opfer gefallen, brachte der Hohepriester ein Opfer dar, damit der Mann wieder gesund würde.33Während der Hohepriester noch mit dem Versöhnungsopfer beschäftigt war, erschienen dem Heliodor dieselben jungen Männer wie zuvor, in der gleichen Kleidung. Sie traten zu ihm und sagten: Danke dem Hohepriester Onias vielmals; denn seinetwegen schenkt der Herr dir gnädig das Leben.34Der Himmel hat dich gezüchtigt. Nun verkünde du allen die gewaltige Kraft Gottes! Nach diesen Worten entschwanden sie.35Da ließ Heliodor dem Herrn ein Opfer darbringen und machte ihm sehr große Gelübde, weil er ihn am Leben gelassen hatte. Er empfing Onias und zog mit seinen Truppen zum König zurück.36Allen aber bezeugte er die Werke des größten Gottes, die er mit eigenen Augen gesehen hatte.37Als aber der König den Heliodor fragte, wer geeignet sei, noch einmal nach Jerusalem geschickt zu werden, sagte er:38Wenn du einen Feind oder einen Hochverräter weißt, dann schick ihn dorthin! Du wirst ihn mit Geißeln gezüchtigt zurückempfangen, wenn er überhaupt am Leben bleibt; denn an dem Ort wirkt wahrhaftig eine göttliche Kraft.39Denn er, der im Himmel wohnt, ist selbst der Wächter und Schützer jenes Ortes; und wer in böser Absicht dorthin kommt, den richtet er zugrunde.40Das waren die Ereignisse um Heliodor und um die Rettung des Tempels.