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Zürcher Bibel

Das zweite Klagelied

1 Ach, wie taucht in seinem Zorn der Herr (Alef) ins Wolkenschwarz die Tochter Zion. Vom Himmel zur Erde gestürzt hat er die Zierde Israels, und des Schemels seiner Füsse hat er nicht gedacht am Tag seines Zorns.
2 Verschlungen hat der Herr - ohne Mitleid - (Bet) alle Weideplätze Jakobs, niedergerissen hat er in seiner Wut die befestigten Städte der Tochter Juda, er hat sie zu Boden geschleudert. Das Königreich hat er entweiht und dessen Fürsten.
3 Abgeschlagen hat er in glühendem Zorn (Gimel) jedes Horn Israels, seine rechte Hand hat er zurückgezogen, im Angesicht des Feindes. Und in Jakob hat er gebrannt wie das Feuer einer Flamme, die ringsum gefressen hat.
4 Wie ein Feind hat er seinen Bogen gespannt, (Dalet) wie ein Gegner hat er sich aufgestellt mit seiner erhobenen Rechten, und alles hat er umgebracht, was dem Auge kostbar war. Im Zelt der Tochter Zion hat er seinen Zorn ausgegossen wie Feuer.
5 Der Herr war wie ein Feind, Israel hat er verschlungen, (He) all ihre Paläste hat er verschlungen, seine befestigten Städte hat er zerstört, und in der Tochter Juda hat er Traurigkeit und Trauer gross gemacht.
6 Und seine Hütte hat er verwüstet wie einen Garten, (Waw) seine Festversammlung hat er vernichtet. Vergessen machte der HERR in Zion Fest und Sabbat, und in seinem wütenden Zorn hat er König und Priester verschmäht.
7 Seinen Altar hat der Herr verstossen, (Sajin) sein Heiligtum hat er verworfen; die Mauern ihrer Paläste hat er preisgegeben der Hand des Feindes. Im Haus des HERRN hat man gelärmt wie am Tag des Fests.
8 Der HERR hat geplant, (Chet) die Mauer der Tochter Zion zu zerstören. Er hat die Messschnur angelegt, hat seine Hand nicht davon abgehalten, wegzureissen1. Und Heer und Mauer hat er in Trauer gestürzt, zusammen sind sie dahingeschwunden.
9 In die Erde eingesunken sind ihre Tore, (Tet) ihre Riegel hat er zerstört und zerbrochen. Ihr König und ihre Fürsten sind unter den Nationen. Es gibt keine Weisung! Auch haben ihre Propheten keine Schauung empfangen vom HERRN.
10 Die Ältesten der Tochter Zion sitzen auf der Erde, sie schweigen, (Jod) auf ihr Haupt haben sie Staub gestreut, Trauergewänder haben sie umgürtet. Die Jungfrauen von Jerusalem haben ihr Haupt zur Erde gesenkt.
11 In Tränen sind meine Augen erloschen, (Kaf) mein Inneres steht in Flammen, meine Leber hat sich auf die Erde ergossen denn die Tochter meines Volks ist zusammengebrochen, als Kind und Säugling verschmachteten auf den Plätzen der Stadt.
12 Zu ihren Müttern sagen sie: (Lamed) Wo sind Getreide und Wein?, während sie wie Verwundete verschmachten auf den Plätzen der Stadt, während sich ihr Leben verflüchtigt im Schoss ihrer Mütter.
13 Was soll ich dir bezeugen, womit dich vergleichen, (Mem) Tochter Jerusalem, wem dich gleichstellen, um dich zu trösten, Jungfrau, Tochter Zion? Denn gewaltig wie das Meer ist dein Zusammenbruch! Wer könnte dich heilen?
14 Deine Propheten haben für dich (Nun) Lüge und Tünche geschaut. Deine Schuld aber haben sie nicht aufgedeckt, so dass sie dein Geschick hätten wenden können. Und sie schauten für dich Aussprüche, die verlogen waren und zur Verstossung führten.
15 Alle, die des Wegs ziehen, (Samech) schlagen die Hände zusammen über dich, sie zischen und schütteln ihren Kopf über die Tochter Jerusalem: Ist das die Stadt, von der man sagt: Vollkommene Schönheit! Eine Wonne für die ganze Welt!
16 Alle deine Feinde haben ihr Maul aufgerissen über dich, (Pe) sie haben gezischt und mit den Zähnen geknirscht, sie sagten: Wir haben verschlungen! Ja, dies ist der Tag, auf den wir gehofft haben, wir haben ihn erlebt, wir haben es gesehen!
17 Der HERR hat ausgeführt, was er geplant hat, (Ajin) sein Wort hat er erfüllt, was er angeordnet hat seit den Tagen der Vorzeit: Er hat niedergerissen, und er hatte kein Mitleid! Und den Feind hat er sich freuen lassen über dich, das Horn deiner Gegner hat er erhöht.
18 Ihr Herz schrie zum Herrn! (Zade) Du, Mauer der Tochter Zion, lass deine Tränen fliessen wie einen Fluss bei Tag und in der Nacht, gönne dir keine Ruhe, dein Augapfel stehe nicht still.
19 Auf, wimmere in der Nacht, (Qof) zu Beginn der Nachtwachen, schütte dein Herz aus wie Wasser vor dem Angesicht des Herrn. Zu ihm erhebe deine Hände um des Lebens deiner Jüngsten willen, die vor Hunger verschmachten an allen Strassenenden.
20 Schau, HERR, und sieh doch, (Resch) mit wem du so verfahren bist! Sollen denn Frauen ihre Leibesfrucht essen, die gesund geborenen Jüngsten? Sollen denn Priester und Prophet umgebracht werden im Heiligtum des Herrn?
21 Auf dem Boden, auf den Strassen liegen Junge und Alte, (Schin) meine jungen Frauen und Männer sind gefallen durch das Schwert! Du hast sie umgebracht am Tag deiner Wut, hast sie abgeschlachtet, ohne Mitleid!
22 Wie am Festtag hast du von ringsum herbeigerufen, (Taw) wovor mir graute, und es gab keinen Geretteten und keinen Entkommenen am Tag des Zorns des HERRN. Die ich gesund geboren und grossgezogen habe, ihnen hat mein Feind ein Ende bereitet!
1 Wörtlich: "... davon abgehalten, zu verschlingen. ..."
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