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Zürcher Bibel

Jerusalem, die treulose Frau

1 Und das Wort des HERRN erging an mich:
2 Du Mensch, halte Jerusalem ihre Abscheulichkeiten1 vor,
3 und sprich: So spricht Gott der HERR zu Jerusalem: Nach deiner Herkunft und deiner Geburt kommst du aus dem Land der Kanaaniter, dein Vater ist der Amoriter und deine Mutter eine Hetiterin.
4 Und bei deiner Geburt, am Tag, als du geboren wurdest, wurde deine Nabelschnur nicht durchgeschnitten, und du wurdest nicht mit Wasser gewaschen für das Einsalben, und du wurdest nicht mit Salz abgerieben und nicht in Windeln gewickelt.
5 Kein Auge blickte mitleidig auf dich, dass man eins von diesen Dingen für dich getan und sich deiner erbarmt hätte. Und du wurdest auf das offene Feld geworfen ohne Achtung für dein Leben, an dem Tag, als du geboren wurdest.
6 Da aber ging ich bei dir vorüber und sah dich strampeln in deinem Blut, und ich sprach zu dir in deinem Blut: Lebe,2 ... Blut und sprach zu dir: Durch dein Blut lebe!
7 wachse heran!3 Wie den Spross auf dem Feld habe ich dich gemacht. Und du bist herangewachsen und bist gross geworden und kamst zu schönstem Schmuck: Die Brüste wurden prall und dein Haar wuchs; doch du warst nackt und bloss.
8 Da aber ging ich bei dir vorüber und sah dich, und sieh, deine Zeit war die Zeit der Liebe. Da breitete ich den Saum meines Gewands über dich und bedeckte deine Scham. Und ich schwor dir und trat ein in einen Bund mit dir, Spruch Gottes des HERRN, und du gehörtest zu mir.
9 Und ich wusch dich mit Wasser und spülte dein Blut von dir ab und salbte dich mit Öl.
10 Und ich kleidete dich in bunte Stoffe und zog dir Sandalen an aus Tachasch, und ich hüllte dich in Leinen und bedeckte dich mit feinem Kleiderstoff.
11 Und ich schmückte dich mit Schmuck, und an deine Handgelenke legte ich Armbänder und um deinen Hals eine Kette.
12 Und ich hängte einen Ring an deine Nase und Ringe an deine Ohren und setzte dir eine prächtige Krone auf das Haupt.
13 Und du schmücktest dich mit Gold und Silber und mit deinem Kleid aus Leinen und feinen und bunten Stoffen. Weizengriess und Honig und Öl hast du gegessen, und du wurdest sehr, sehr schön und wurdest tauglich zum Königtum.
14 Und dein Ruhm ging hinaus unter die Nationen, deiner Schönheit wegen, denn sie war vollkommen durch meine Pracht, die ich dir verliehen hatte. Spruch Gottes des HERRN.
15 Du aber hast dich auf deine Schönheit verlassen und hast Hurerei getrieben, da du berühmt warst, und jeden, der vorbeiging, hast du mit deiner Hurerei übergossen; für ihn geschah es.
16 Und du hast von deinen Gewändern genommen und dir bunt gemusterte Kulthöhen gemacht, und auf ihnen hast du Hurerei getrieben; ...4
17 Und du hast deine Schmuckstücke aus meinem Gold und aus meinem Silber genommen, das ich dir gegeben hatte, und du hast dir daraus Figuren von Männern gemacht und mit ihnen Hurerei getrieben.
18 Und deine Gewänder aus bunten Stoffen hast du genommen und sie damit eingekleidet, und mein Öl und mein Räucherwerk hast du ihnen vorgelegt.
19 Und meine Speise, die ich dir gegeben habe - Weizengriess und Öl und Honig habe ich dir zu essen gegeben -, die hast du ihnen vorgelegt als beschwichtigenden Duft. Und so war es! Spruch Gottes des HERRN.
20 Und deine Söhne und Töchter, die du mir geboren hast, hast du genommen und sie geschlachtet, jenen zum Frass. War es dir zu wenig, Hurerei zu treiben,
21 dass du meine Kinder geschlachtet und sie dahingegeben und sie für jene verbrannt hast?
22 Und bei all deinen Abscheulichkeiten und deiner Hurerei hast du nicht der Tage gedacht, da du jung warst, da du nackt und bloss strampelnd in deinem Blut lagst.
23 Und nach all deiner Bosheit - wehe, wehe dir! Spruch Gottes des HERRN -,
24 da hast du dir einen Sockel gebaut und dir eine Kultstätte gemacht, auf jedem Platz.
25 An jeder Strassenecke hast du deine Kultstätte gebaut und deine Schönheit geschändet: Du hast deine Beine gespreizt für jeden, der vorüberging, und hast viel Hurerei getrieben!
26 Und du hast Hurerei getrieben mit den Ägyptern, deinen Nachbarn mit dem grossen Glied, und du hast viel Hurerei getrieben, um mich zu reizen.
27 Und sieh, ich habe meine Hand gegen dich ausgestreckt und dir entzogen, was dir zugestanden hätte, und ich habe dich der Gier derer preisgegeben, die dich hassten, den Philisterinnen, die sich schämten wegen deines schändlichen Wegs.
28 Und du hast Hurerei getrieben mit den Assyrern, weil du nicht genug bekommen konntest. Und du hast mit ihnen Hurerei getrieben, aber auch dann hast du nicht genug gehabt.
29 Und du hast viel Hurerei getrieben mit dem Land der Händler, mit Kasdäer, aber auch das war dir nicht genug.
30 Wie fiebrig war dein Herz, Spruch Gottes, der HERRN, wenn du all dies getan hast nach Art einer gewaltigen Hure,
31 wenn du dir einen Sockel gebaut hast an jeder Strassenecke und dir eine Hochstätte gemacht hast auf jedem Platz. Aber du warst nicht wie eine gewöhnliche Hure, du hast Geschenke verschmäht!
32 Die Frau, die die Ehe bricht, nimmt sich Fremde statt ihres Mannes.
33 Allen Huren gibt man Lohn, du aber hast deinen Lohn all deinen Liebhabern gegeben und hast sie beschenkt, damit sie von ringsum zu dir kamen und du Hurerei treiben konntest.
34 Und bei dir war es das Gegenteil von dem, was sonst der Fall ist bei den Frauen; bei deiner Hurerei wurde dir nicht nachgehurt; und da du Geschenke gabst, dir aber keine Geschenke gegeben wurden, bist du zum Gegenteil geworden.
35 Darum, Hure, höre das Wort des HERRN!
36 So spricht Gott der HERR: Weil deine Monatsblutung sich ergossen hat und bei deiner Hurerei deine Scham aufgedeckt wurde vor deinen Liebhabern und allen deinen abscheulichen Mistgötzen, und wegen des Bluts deiner Kinder, die du ihnen gegeben hast,
37 darum, sieh, sammle ich alle deine Liebhaber, denen du gefallen hast, und all jene, die du geliebt hast, zusammen mit allen, die du gehasst hast! Und ich werde sie von ringsum gegen dich versammeln und deine Scham vor ihnen aufdecken, und sie werden deine ganze Blösse sehen!
38 Und ich werde dich richten nach dem Recht für Ehebrecherinnen und Frauen, die Blut vergiessen, und ich tauche dich in das Blut des Zorns und der Eifersucht.
39 Und ich werde dich in ihre Hand geben, und sie werden deinen Sockel niederreissen und deine Kultstätten abbrechen, und sie werden dir deine Kleider ausziehen und deine Schmuckstücke nehmen und dich nackt und bloss liegen lassen.
40 Und sie werden eine Versammlung gegen dich heranführen und dich steinigen und dich mit ihren Schwertern in Stücke schlagen.
41 Und deine Häuser werden sie im Feuer verbrennen, und an dir werden sie Urteile vollstrecken, vor den Augen vieler Frauen. Und ich werde dir ein Ende bereiten, so dass du keine Hure mehr sein kannst und auch keine Geschenke mehr verteilst.
42 Und ich werde meinen Zorn an dir stillen! Dann wird meine Eifersucht von dir weichen, und ich werde meine Ruhe finden und nicht mehr zürnen.
43 Weil du nicht der Tage gedacht hast, da du jung warst, und weil du aufgebracht warst gegen mich bei all dem, sieh, lasse auch ich deine Taten zurückfallen auf dein Haupt. Spruch Gottes des HERRN. Hast du nicht Schandtaten verübt zu all deinen Abscheulichkeiten hinzu?
44 Sieh, jeder, der Reden über dich macht, wird als Redensart brauchen: Wie die Mutter, so ihre Tochter!
45 Du bist die Tochter deiner Mutter, des Mannes und der Kinder überdrüssig, und du bist die Schwester deiner Schwestern, die ihrer Männer und ihrer Kinder überdrüssig geworden sind. Eure Mutter ist eine Hetiterin, und euer Vater ist ein Amoriter!
46 Und deine grosse Schwester ist Samaria, sie mit ihren Töchtern, die nördlich von dir wohnt, und deine Schwester, die kleiner ist als du, die südlich von dir wohnt, ist Sodom mit ihren Töchtern.
47 Und du bist nicht nur auf ihren Wegen gegangen und du hast nicht nur ihre Abscheulichkeiten begangen - eine kurze Zeit, und du hast auf allen deinen Wegen verdorbener gehandelt als sie!
48 So wahr ich lebe, Spruch Gottes des HERRN: Sodom, deine Schwester, sie mit ihren Töchtern, hat nicht gehandelt, wie du gehandelt hast, du mit deinen Töchtern!
49 Sieh, dies war die Verschuldung von Sodom, deiner Schwester: Stolz, Nahrung im Überfluss und sorglose Ruhe hatten sie und ihre Töchter, aber die Hand des Elenden und Armen hat sie nicht gestärkt,
50 vielmehr wurden sie hochmütig und begingen Abscheulichkeiten vor mir. Und da ich es gesehen habe, habe ich sie beseitigt.
51 Und Samaria hat nicht halb so viel gesündigt wie du, und du hast mehr Abscheulichkeiten begangen als sie und hast deine Schwestern als Gerechte dastehen lassen bei all deinen Abscheulichkeiten, die du begangen hast.
52 Nun trage auch du deine Schande, du, die du eingetreten bist für deine Schwestern. Durch deine Sünden stehen sie gerechter da als du, da du abscheulicher gehandelt hast als sie. Und schäme auch du dich und trage deine Schande, denn du hast deine Schwestern als Gerechte dastehen lassen!
53 Dann aber werde ich ihr Geschick wenden, das Geschick Sodoms und ihrer Töchter und das Geschick Samarias und ihrer Töchter, und auch dein Geschick werde ich wenden, in ihrer Mitte,
54 damit du deine Schande trägst und dich schämst wegen all dem, was du getan hast, als du ihnen zum Trost geworden bist.
55 Und deine Schwestern: Sodom und ihre Töchter werden wieder sein, was sie einst waren, und Samaria und ihre Töchter werden wieder sein, was sie einst waren. Auch du und deine Töchter, ihr werdet wieder sein, was ihr einst wart.
56 Und war nicht Sodom, deine Schwester, als abschreckendes Beispiel in deinem Mund in der Zeit deines Hochmuts,
57 bevor deine Bosheit aufgedeckt worden ist, zur Zeit da die Töchter Arams und alle um sie herum gehöhnt haben, die Töchter der Philister, die dich verachten ringsum?
58 Deine Schandtat und deine Abscheulichkeiten, du wirst sie tragen! Spruch des HERRN.
59 Denn so spricht Gott der HERR: Ich werde an dir handeln, wie du gehandelt hast: Du hast die angedrohte Verfluchung missachtet, hast den Bund gebrochen.
60 Dann aber werde ich mich an meinen Bund mit dir erinnern, aus den Tagen, als du jung warst, und ich werde für dich einen ewigen Bund in Kraft setzen.
61 Und du wirst an deine Wege denken und dich schämen, wenn ich dich nehme mit deinen Schwestern, die grösser sind als du, und mit denen, die kleiner sind als du, und sie dir als Töchter gebe, aber nicht weil du den Bund gehalten hättest!5
62 Und ich werde meinen Bund mit dir in Kraft setzen, und du wirst erkennen, dass ich der HERR bin,
63 damit du dich daran erinnerst und dich schämst und deiner Schande wegen den Mund nicht mehr auftust, wenn ich dir all das vergebe, was du getan hast! Spruch Gottes des HERRN.
1 Mit 'ihre Abscheulichkeiten' sind die Abscheulichkeiten Jerusalems gemeint: Im Hebräischen sind Städte weiblich, weshalb in diesem Text von Jerusalem als Frau gesprochen werden kann.
2 Manche übersetzen:
3 Die Übersetzung "wachse heran! Wie den ..." beruht auf der griechischen Überlieferung. Der Massoretische Text lautet übersetzt: "Zu vielen tausend, wie den Spross auf dem Feld habe ich dich gemacht. ..."
4 Am Ende des Verses folgen noch die schwer verständlichen Worte: "... nicht durch das Zeichen, und es wird nicht sein."
5 Wörtlich: "..., aber nicht wegen deines Bundes!"
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