Hilfe

Gute Nachricht Bibel

Hoffnung trotz tiefster Not

1 Ich bin der Mann,1der viel gelitten hat unter den zornigen Schlägen des Herrn.
2 Ich bin es, den er vor sich hertrieb, immer tiefer in die dunkelste Nacht.
3 Immer nur mich traf seine Faust, Tag für Tag, ohne einzuhalten.
4 Er lässt meine Haut und mein Fleisch zerfallen und zerbricht mir alle meine Knochen.
5 Von allen Seiten schließt er mich ein, er umstellt mich mit Bitterkeit und Qual.
6 In Finsternis lässt er mich wohnen wie die, die schon seit langem tot sind.
7 Er hat mich ummauert und in Ketten gelegt, aus diesem Gefängnis gibt es keinen Ausweg.
8 Ich kann um Hilfe schreien, so viel ich will – mein Rufen dringt nicht durch bis an sein Ohr.
9 Er hat mir den Weg mit Steinen versperrt, sodass ich ständig in die Irre gehe.
10 Wie ein Bär hat er mir aufgelauert, wie ein Löwe in seinem Hinterhalt.
11 Er hat mich vom Weg heruntergezerrt,2 dann hat er mich zusammengeschlagen.
12 Er hat den Bogen auf mich angelegt und mich als Ziel für seine Pfeile benutzt.
13 Pfeil auf Pfeil hat er abgeschossen und mir den Rücken damit durchbohrt.
14 Die Leute meines Volkes lachen mich aus, täglich singen sie ihr Spottlied über mich.
15 Er gab mir die bitterste Kost zu essen und ließ mich bitteren Wermut trinken.
16 Er hat mich in den Staub gedrückt und mich gezwungen, Kies zu kauen.
17 Das ruhige Leben hat er mir genommen; ich weiß nicht mehr, was Glück bedeutet.
18 Ich habe keine Zukunft mehr, vom Herrn ist nichts mehr zu erhoffen!
19 An all dieses rastlose Elend zu denken ist Gift für mich und macht mich bitter.
20 Doch immer wieder muss ich daran denken und bin erfüllt von Verzweiflung und Schwermut.
21 Ich will mich an etwas anderes erinnern, damit meine Hoffnung wiederkommt:
22 Von Gottes Güte kommt es, dass wir noch leben. Sein Erbarmen ist noch nicht zu Ende,
23 seine Liebe ist jeden Morgen neu und seine Treue unfassbar groß.
24 Ich sage: Der Herr ist mein Ein und Alles; darum setze ich meine Hoffnung auf ihn.
25 Der Herr ist gut zu denen, die nach ihm fragen, zu allen, die seine Nähe suchen.
26 Darum ist es das Beste, zu schweigen und auf die Hilfe des Herrn zu warten.
27 Für jeden Menschen ist es gut, wenn er schon früh gelernt hat, Last zu tragen.
28 Wenn der Herr ihm etwas auferlegt, soll er für sich allein bleiben und schweigen.
29 Er soll seinen Mund auf den Boden pressen – vielleicht ist doch noch Hoffnung auf Hilfe!
30 Dem, der ihn schlägt, soll er die Backe hinhalten und alle Schmach und Schande auf sich nehmen.
31 Der Herr verstößt uns nicht für immer.
32 Auch wenn er uns Leiden schickt, erbarmt er sich doch wieder über uns, weil seine Liebe so reich und groß ist.
33 Es macht ihm selbst keine Freude, seinen Kindern Schmerz und Kummer zu bereiten.
34 Alle Gefangenen in unserem Land wurden getreten und misshandelt;
35 unter den Augen des höchsten Gottes wurden sie um ihr Recht gebracht;
36 Unschuldige wurden verurteilt – und das soll der Herr nicht gesehen haben?3
37 Wer sonst spricht ein Wort und es geschieht? Geschieht nicht alles auf seinen Befehl?
38 Wenn Glück oder Unglück über uns kommt, hat nicht der Höchste es angeordnet?
39 Mit welchem Recht beklagt sich der Mensch bei Gott? Gegen seine Sünde soll er Klage erheben!
40 Lasst uns unser Leben überprüfen und wieder umkehren zu dem Herrn!
41 Lasst uns die Hände zum Himmel strecken und Herz und Sinn zum Herrn hinwenden!
42 Wir haben gesündigt4 und dir, Herr, getrotzt und du hast uns die Schuld noch nicht vergeben.
43 Du hast dich ganz in deinen Zorn gehüllt, uns schonungslos gejagt und getötet.
44 In einer Wolke hast du dich versteckt, damit kein Gebet dich erreichen konnte.
45 Wie Dreck hast du uns zusammengekehrt, wie Abfall mitten unter den Völkern.
46 Alle unsere Feinde spotten über uns, höhnisch reißen sie ihre Mäuler auf.
47 Schrecken und Entsetzen wurden unser Los, Zusammenbruch und Untergang.
48 Meine Augen zerfließen in Tränen, weil mein Volk zugrunde gegangen ist.
49 Wie ein Bach, der nie zur Ruhe kommt, strömen meine Tränen, ohne zu versiegen,
50 bis der Herr sich vom Himmel herabneigt und seinen Blick wieder auf uns richtet.
51 Es tut mir weh, wenn ich sehen muss, wie es den Frauen in der Stadt ergeht.
52 Sie haben mir nachgestellt wie einem Vogel, obwohl ich niemandem Anlass gab, mein Feind zu sein.
53 Sie haben mich lebend in die Grube gestürzt und einen Stein auf die Öffnung gewälzt.5
54 Das Wasser stieg mir bis an die Kehle, ich dachte schon, es sei aus mit mir.
55 Da rief ich zu dir, Herr, um Hilfe; aus der Tiefe der Grube schrie ich zu dir:
56 »Verschließ dein Ohr nicht! Hör mein Flehen!« Und du hast meinen Hilferuf gehört!
57 Als ich zu dir schrie, bist du gekommen und hast zu mir gesagt: »Hab keine Angst!«
58 Du hast mich verteidigt und mir Recht verschafft; das Leben hast du mir gerettet.
59 Du weißt, was sie mir angetan haben. Stell mein Recht doch völlig wieder her!
60 Du hast ihren ganzen Hass gesehen und ihre finsteren Pläne gegen mich.
61 Du hast gehört, wie sie mich schmähten und ihre Pläne gegen mich berieten.
62 Alles, was sie reden und denken, ist gegen mich gerichtet, Tag für Tag.
63 Behalte ihr Tun und Lassen fest im Auge! Noch immer singen sie ihr Spottlied auf mich.
64 Alles, was sie mir angetan haben, Herr, zahl es ihnen heim, vergilt es ihnen!
65 Verblende sie, verwirre ihren Sinn, schleudere deinen Fluch gegen sie!
66 Verfolge sie mit deinem ganzen Zorn und fege sie von der Erde weg!
1 Der Dichter des Liedes spricht von seinem eigenen Schicksal, um seinen Leidensgenossen Mut zu machen. Dabei gebraucht er Bilder, die nicht unbedingt wörtlich zu nehmen sind (z.B. das Gefängnis in Vers 7). Wenn man das Kapitel auf Jeremia und sein Schicksal beziehen will, muss man die Verse 4-21 durchgehend in der Vergangenheitsform wiedergeben; vgl. Anmerkung zu Vers 53.
2 Deutung unsicher.
3 Nach dem ergreifenden Aufruf zum geduldigen Vertrauen (Verse 22-23) geht der Dichter des Liedes auf einen Einwand ein, der sich am erlebten Unrecht entzündet (siehe 5,8).
4 Siehe Anmerkung zu 1,8.
5 Das könnte, wie in manchen Psalmen (35,7; 69,15-16) bildlicher Ausdruck für die Anfeindung und Todesnot sein. Die Annahme, dass hier Jeremia von seiner Gefangenschaft spricht (Jer 38,6) bereitet im Blick auf den Rachewunsch der Verse 59-66 Schwierigkeiten. Denn die Feinde Jeremias sind mit dem Fall Jerusalems längst von der Strafe ereilt worden.
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