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Gute Nachricht Bibel

1 Joab merkte, dass der König seinen Sohn Abschalom zu vermissen begann.
2 Er ließ deshalb aus dem Dorf Tekoa eine weise Frau holen und sagte zu ihr: »Du sollst die Rolle einer abgehärmten Frau spielen! Zieh Trauerkleider an, lass dein Gesicht ungesalbt und stelle dich so, als ob du schon lange um einen Toten trauertest.
3 Dann geh zum König und sprich mit ihm genau nach meiner Anweisung.« Joab instruierte sie, was sie tun und sagen sollte.
4 Als die Frau zum König kam, warf sie sich vor ihm nieder, das Gesicht zur Erde, und sagte: »Hilf mir, mein König!«
5 »Wo fehlt es?«, fragte er und sie erzählte: »Ich bin eine arme Witwe; mein Mann ist tot.
6 Ich hatte zwei Söhne, die gerieten eines Tages auf dem Feld miteinander in Streit. Weil niemand in der Nähe war, der dazwischentreten konnte, kam es so weit, dass der eine den andern erschlug.
7 Nun haben sich alle Verwandten zusammengetan und verlangen, dass ich ihnen den noch lebenden Sohn herausgebe. Sie wollen ihn töten, weil er seinen Bruder umgebracht hat. Aber dann stehe ich ohne Sohn und Erben da. Sie werden mir den letzten Funken Hoffnung auslöschen und es dahin bringen, dass niemand übrig bleibt, der in Zukunft noch den Namen meines Mannes trägt und dafür sorgt, dass die Familie nicht ausstirbt.«
8 »Geh ruhig nach Hause«, antwortete der König. »Ich werde die nötigen Anordnungen treffen.«
9 »Mein Herr und König«, sagte die Frau, »aber ich und meine Familie werden dann doch als Rechtsbrecher1 dastehen; denn dem König selbst wird niemand etwas vorzuwerfen wagen.«
10 Der König erwiderte: »Wenn dich jemand deswegen belästigt, dann bring ihn zu mir, und er wird dich künftig in Ruhe lassen.«
11 Sie aber sagte: »Wiederhole deine Zusage und rufe dabei den Herrn, deinen Gott, als Zeugen an! Nur dann bin ich sicher, dass der Bluträcher mein Unglück nicht noch größer macht und mein zweiter Sohn auch umgebracht wird.« »So gewiss der Herr lebt«, erklärte David, »deinem Sohn soll kein Haar gekrümmt werden.«2
12 »Mein Herr und König«, fuhr nun die Frau fort, »darf ich noch etwas sagen?« »Sprich!«, sagte der König
13 und sie begann: »Warum willst du am Volk Gottes genau dasselbe Unrecht begehen? Nach der Entscheidung, die du, mein König, soeben getroffen hast, stehst du selbst wie ein Schuldiger da, wenn du deinen verbannten Sohn nicht zurückkehren lässt.
14 Wir müssen doch alle einmal sterben; es geht uns wie dem Wasser, das auf die Erde geschüttet wird und darin versickert: Das Leben lässt sich nicht wieder zurückholen. Aber Gott will nicht, dass noch mehr Leben zerstört wird. Deshalb ist er darauf aus, dass ein Verbannter nicht für immer in der Verbannung bleibt – womit er ja auch aus seiner Nähe verbannt ist.3
15 Mein Herr und König, ich bin mit meinem Anliegen zu dir gekommen, weil meine Verwandten mir solche Angst eingejagt haben. Da sagte ich mir: Ich will meine Sache dem König vortragen, vielleicht wird er mir helfen.
16 Er wird gewiss auf meine Bitte eingehen, dachte ich; er wird mich vor dem Mann retten, der meinen Sohn töten und damit auch mich aus unserem Erbbesitz drängen will.
17 Ich dachte, die Entscheidung meines Herrn und Königs wird mir Ruhe verschaffen; denn mein König ist so unbestechlich wie der Engel Gottes und entscheidet unparteiisch über Recht und Unrecht. Möge der Herr, dein Gott, dir auch weiterhin beistehen!«
18 Der König erwiderte der Frau: »Ich will dich etwas fragen, aber du darfst mir nichts verschweigen!« »Frag nur, mein Herr und König!«
19 »Nun, hat hier nicht Joab seine Hand mit im Spiel?« »Wahrhaftig, mein Herr und König!«, rief die Frau. »Es ist unmöglich, etwas vor dir, meinem Herrn, zu verbergen. Ja, dein Heerführer Joab hat mich hergeschickt und mir genau erklärt, was ich sagen und tun soll.
20 Er wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Aber mein Herr und König ist so weise wie der Engel Gottes, er durchschaut alles, was auf Erden vor sich geht.«
21 Darauf sagte der König zu Joab: »Gut, ich erfülle deine Bitte. Geh und hol mir den Jungen, den Abschalom, zurück!«
22 Joab warf sich vor David zu Boden, das Gesicht zur Erde, und sagte: »Gott segne dich dafür, mein König! Jetzt weiß ich, dass du mir freundlich gesinnt bist, weil du meinen Wunsch erfüllt hast.«

Abschalom überwindet den Groll seines Vaters

23 Joab ging sofort nach Geschur und brachte Abschalom nach Jerusalem zurück.
24 Der König aber befahl: »Er soll in sein Haus gehen; ich empfange ihn nicht!« So lebte Abschalom wieder in seinem Haus, aber zum König wurde er nicht vorgelassen.
25 In ganz Israel gab es keinen Mann, der so schön war und so sehr bewundert wurde wie Abschalom. Vom Scheitel bis zur Sohle war alles an ihm vollkommen.4
26 Wenn er sein Haar schneiden ließ – und das geschah einmal im Jahr, wenn es ihm zu schwer wurde –, dann wog das abgeschnittene Haar jedes Mal fünf Pfund.5
27 Er hatte drei Söhne6 und eine Tochter namens Tamar, eine sehr schöne Frau.
28 Abschalom lebte nun schon zwei Jahre in Jerusalem, ohne seinen Vater gesehen zu haben.
29 Da ließ er Joab zu sich rufen, damit er beim König ein Wort für ihn einlege; aber Joab wollte nicht zu ihm kommen. Noch ein zweites Mal schickte er nach Joab, aber auch diesmal wollte er nicht kommen.
30 Da sagte Abschalom zu seinen Knechten: »Das Feld Joabs liegt neben meinem eigenen. Es wächst Gerste darauf. Geht hin und zündet es an!« Die Knechte führten den Befehl aus und steckten das Feld in Brand.
31 Darauf kam Joab sofort zu Abschalom ins Haus und fragte ihn: »Warum haben deine Knechte meine Gerste angezündet?«
32 »Weil du nicht gekommen bist, als ich nach dir schickte«, antwortete Abschalom. »Ich wollte dich bitten, zum König zu gehen und ein Wort für mich einzulegen. Du sollst ihn in meinem Namen fragen: ›Wozu bin ich eigentlich von Geschur zurückgekommen! Ich wäre besser dort geblieben.‹ Sag dem König, dass ich ihn nun endlich sehen möchte. Wenn er mich für schuldig hält, soll er mich töten.«
33 Joab ging zum König und richtete ihm die Botschaft aus. Da ließ der König Abschalom holen. Der kam und warf sich vor ihm zu Boden, das Gesicht zur Erde, und der König küsste ihn.
1 Das Unrecht bestünde darin, dass der Sohn dem elementaren Recht der Blutrache durch Anrufung des Königs entzogen würde. Der Zorn der Verwandten (d.h. der Familie des Mannes) würde sich dann über die Frau und deren Familie entladen. Es kommt bei diesem erdichteten Fall jedoch lediglich darauf an, den König zu einem Eid zu veranlassen (Vers 11), auf den er dann später festgelegt werden kann.
2 Die Frau hat David dahin gebracht, unter Anrufung Gottes ein Grundsatzurteil zu fällen. Im Folgenden geht es um die Anwendung des Urteils auf den Fall Israel - Amnon - Abschalom.
3 Verbannung aus dem Land Israel ist Verbannung aus Gottes Gegenwart, d.h.: Verurteilung zum Tod. Nachdem die Frau ihre Maske schon ein wenig gelüftet und das wahre Ziel ihres Vorsprechens beim König genannt hat, lenkt sie zu ihrem persönlichen Fall zurück - aber so, dass ihre Worte nunmehr doppeldeutig werden, was David sofort begreift.
4 Die äußere Gestalt lässt ihn als den kommenden König erscheinen (vgl. 1Sam 9,2; 10,23); doch Gott hat andere Maßstäbe (1Sam 16,6-7).
5 Hebräische Maßangabe 200 Schekel nach dem königlichen Gewicht. Der königliche Schekel war etwa 1,5 g schwerer als der gewöhnliche und entspricht ca. 13 g.
6 In 18,18 ist eine andere Überlieferung erhalten.
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