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Elberfelder Bibel

Hoffnung für Alle

Lutherbibel 2017

Klage des Propheten über sein und des Volkes Elend - Anerkenntnis der Treue Gottes - Aufruf zum Sündenbekenntnis - Bitte um Rettung und Vergeltung an den Feinden

1 1Ich bin der Mann, der Elend sah durch die Rute seines Grimmes.
2 Mich trieb er weg und ließ mich gehen in Finsternis und ohne Licht.
3 Nur2 gegen mich wendet er immer wieder seine Hand, jeden Tag.
4 Verfallen ließ er mein Fleisch und meine Haut, zerbrach meine Knochen,
5 umbaute und umgab mich mit Gift und Mühsal.
6 Er ließ mich wohnen in Finsternissen, wie die Toten der Urzeit3.
7 Er ummauerte mich, dass ich nicht herauskann; er legte mich in schwere, bronzene Ketten4.
8 Auch wenn ich schrie und um Hilfe rief, verschloss er sein Ohr vor meinem Gebet.
9 Er vermauerte meine Wege mit Quadersteinen, kehrte meine Pfade um5.
10 Ein lauernder Bär war er mir, ein Löwe im Versteck.
11 Er ließ mich vom Weg abirren6, zerfleischte mich7 und machte mich menschenleer8.
12 Er spannte seinen Bogen9 und stellte mich hin als Ziel für den Pfeil.
13 Er ließ in meine Nieren dringen die Söhne seines Köchers.
14 Ich wurde meinem ganzen Volk10 zum Gelächter, ihr Spottlied bin ich jeden Tag.
15 Er sättigte mich mit bitteren Kräutern und tränkte mich mit Wermut.
16 Und er ließ auf Kies meine Zähne beißen11, er trat mich nieder in den Staub.
17 Du verstießest12 meine Seele aus dem Frieden13, ich habe vergessen, was Glück14 ist.
18 Und ich sagte: Verloren ist mein Glanz15 und meine Hoffnung auf den HERRN16.
19 An mein Elend und meine Heimatlosigkeit zu denken, bedeutet Wermut und Gift!
20 Und doch denkt und denkt meine Seele daran und ist niedergedrückt in mir.
21 Doch dies will ich mir in den Sinn zurückrufen, darauf17 will ich hoffen:
22 Ja, die Gnadenerweise des HERRN sind nicht zu Ende18, ja, sein Erbarmen hört nicht auf,
23 es ist jeden Morgen neu. Groß ist deine Treue.
24 Mein Anteil19 ist der HERR, sagt meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen.
25 Gut ist der HERR zu denen, die auf ihn harren, zu der Seele, die nach ihm fragt.
26 Es ist gut, dass man schweigend hofft20 auf die Rettung des HERRN.
27 Gut ist es für den Mann, wenn er das Joch in seiner Jugend trägt.
28 Er sitze einsam und schweige, wenn er es ihm auferlegt.
29 Er lege seinen Mund in den Staub21, vielleicht gibt es Hoffnung.
30 Er biete dem, der ihn schlägt, die Wange, sättige sich an Schmach.
31 Denn nicht für ewig verstößt der Herr,
32 sondern wenn er betrübt hat, erbarmt er sich nach der Fülle seiner Gnadenerweise.
33 Denn nicht von Herzen demütigt22 und betrübt er die Menschenkinder.
34 Dass man alle Gefangenen des Landes unter seinen Füßen zertritt,
35 dass man das Recht eines Mannes beugt vor dem Angesicht des Höchsten,
36 dass man einen Menschen irreführt in seinem Rechtsstreit - sollte der Herr es nicht sehen?
37 Wer ist es, der da sprach, und es geschah - und der Herr hat es nicht geboten?
38 Kommt nicht aus dem Mund des Höchsten das Böse und das Gute hervor?
39 Was beklagt sich der Mensch, der noch am Leben ist23, was beklagt sich der Mann über seine Sündenstrafe?24
40 Prüfen wollen wir unsere Wege und erforschen und umkehren zu dem HERRN!
41 Lasst uns unser Herz samt den Händen erheben25 zu Gott im Himmel!
42 Wir, wir haben die Treue gebrochen und sind widerspenstig gewesen; du aber, du hast nicht vergeben.
43 Du hast dich in Zorn gehüllt und hast uns verfolgt; du hast uns umgebracht ohne Mitleid.
44 Du hast dich in eine Wolke gehüllt, so dass kein Gebet hindurchdrang.
45 Du hast uns zum Kehricht und zum Ekel gemacht mitten unter den Völkern.
46 Alle unsere Feinde reißen ihren Mund über uns auf.
47 Grauen und Grube sind uns zuteilgeworden, Untergang und Zusammenbruch.
48 Wasserbäche lässt mein Auge fließen26 wegen des Zusammenbruchs der Tochter meines Volkes.
49 Mein Auge ergießt sich und kommt nicht zur Ruhe, tränt unaufhörlich,
50 bis der HERR vom Himmel herunterschaut und hinsieht.
51 Mein Auge schmerzt mich27 wegen all der Töchter meiner Stadt.
52 Wie einen Vogel jagten und jagten mich jene, die grundlos meine Feinde sind.
53 Sie stürzten mein Leben in die Grube28 und warfen Steine auf mich.
54 Wasser strömte über mein Haupt. Ich sagte mir: Ich bin vom Leben abgeschnitten!
55 Da rief ich deinen Namen an, HERR, aus der Grube tief unten.
56 Du hast meine Stimme gehört. Verbirg dein Ohr nicht vor meinem Seufzen, meinem Schreien29!
57 Du nahtest an dem Tag, als ich dich anrief; du sprachst: Fürchte dich nicht!
58 Du hast, Herr, meinen Rechtsstreit geführt30, hast mein Leben erlöst.
59 Du, HERR, hast meine Entrechtung31 gesehen. Verhilf mir zu meinem Recht32!
60 Du hast gesehen all ihre Rachgier, alle ihre Pläne gegen mich.
61 Gehört hast du ihr Schmähen, HERR, alle ihre Pläne33 gegen mich,
62 das Gerede derer, die gegen mich aufgetreten sind, und ihren Spott über mich den ganzen34 Tag.
63 Ihr Sitzen und ihr Aufstehen schau dir an! Ich bin ihr Spottlied.
64 Übe an ihnen Vergeltung, HERR, nach dem Werk ihrer Hände!
65 Gib ihnen Verblendung des Herzens35! Dein Fluch komme über sie!
66 Jage ihnen nach im Zorn und rotte sie aus unter dem Himmel des HERRN!
1 Das dritte Kap. ist wie die beiden ersten ein Akrostichon, nur mit dem Unterschied, dass hier zusätzlich jede Strophenzeile mit dem Anfangsbuchstaben der Strophe beginnt.
2 o. Fürwahr; o. Ja
3 Das kann bedeuten: gleich den längst Verstorbenen, o. gleich den für ewig Toten
4 w. er machte meine Bronze schwer
5 d. h. er hat meine Pfade ungangbar gemacht, o. er ließ mich krumme Wege gehen
6 o. versperrte mir den Weg mit Dornen
7 Eine griech. Üs. liest: und er lähmte mich
8 o. öde
9 w. Er trat seinen Bogen; d. h. um ihn zu krümmen
10 d. h. den Bewohnern von Jerusalem; viele hebr. Handschr. und 4 Handschr. von LXX überliefern: allen Völkern
11 w. sich zerreiben
12 LXX: Er verstieß; Vulg. und die syr. Üs.: Es ist verstoßen
13 o. aus dem Wohlergehen
14 o. Gutes
15 Andere üs. mit Textänderung: Vertrauen
16 o. und meine Hoffnung ist fern von dem HERRN
17 o. deshalb
18 so mit einer hebr. Handschr., der syr. und aram. Üs.; Mas. T.: Die Gnadenerweise des HERRN sind es, dass wir nicht zu Ende sind
19 w. Losanteil. - Der Begriff wird ursprünglich im Zusammenhang mit der Verlosung des Landes durch Josua verwendet und steht dann allgemein für den Landbesitz der Stämme und des Einzelnen.
20 w. dass man hofft, und zwar schweigend,
21 d. h. er schweige
22 o. erniedrigt
23 d. h. vom Unglück nicht tödlich getroffen wurde
24 o. er werde Herr über seine Sünden
25 Andere üs. mit veränderter Vokalisierung: Lasst uns unsere Herzen, nicht unsere Hände erheben
26 w. In Wasserbächen geht mein Auge nieder
27 w. Mein Auge tut meiner Seele weh
28 o. Sie brachten in der Grube mein Leben zum Schweigen
29 so mit LXX; Mas. T.: Verbirg dein Ohr nicht - zu meiner Erleichterung - vor meinem Schreien!
30 w. Du strittest, Herr, die Rechtsstreite meiner Seele
31 o. Unterdrückung
32 w. Entscheide (richte) mein Recht. - Andere üs. mit Textänderung: Du hast mir zu meinem Recht verholfen.
33 Andere lesen mit Änderung eines Buchstabens: Verleumdungen
34 o. jeden
35 o. Du wirst an ihnen Vergeltung üben . . . Du wirst ihnen Verblendung . . . geben usw.

Hoffnung in der größten Not

1 Seht mich an – wie viel Elend muss ich ertragen! Ich bin der Mann, den Gott mit seiner Rute schlägt.
2 Voller Zorn hat er mich fortgejagt und immer tiefer in die Finsternis getrieben.
3 Gegen mich sind seine Hiebe gerichtet, den ganzen Tag trifft mich seine strafende Hand.
4 Davon bin ich abgemagert und krank geworden; all meine Knochen hat er mir zerschlagen.
5 Bitteres Leid und Trauer haben mich überwältigt, Gott selbst hat mich darin eingeschlossen.
6 In völliger Dunkelheit lässt er mich zurück, als wäre ich schon lange tot.
7 Mit schweren Ketten hat er mich gefesselt und mein Gefängnis mit hohen Mauern umgeben.
8 Wenn ich schreie und um Hilfe rufe, so verschließt er sich meinem Gebet.
9 Wohin ich mich wende, jeder Weg ist versperrt – Gott lässt mich nicht entkommen!
10 Er hat mir aufgelauert wie ein Bär, wie ein Löwe in seinem Versteck.
11 Er hat mich vom Weg abgedrängt, mich zerfleischt und hilflos liegen lassen.
12 Er spannte seinen Bogen und zielte mit seinen Pfeilen auf mich.
13 Immer wieder griff er in seinen Köcher und schoss mir mitten durchs Herz.
14 Mein Volk verlacht mich Tag für Tag, sie singen Spottlieder auf mich.
15 Gott reicht mir bittere Kräuter zu essen und füllt mir den Becher mit Wermut.
16 Er gibt mir Steine statt Brot, er tritt mich tief in den Staub.
17 Was Frieden und Glück ist, weiß ich nicht mehr. Du, Herr, hast mir alles genommen.
18 Darum sagte ich: »Meine Kraft ist geschwunden, und meine Hoffnung auf den HERRN ist dahin.
19 Meine Not ist groß, ich habe keine Heimat mehr. Schon der Gedanke daran macht mich bitter und krank.
20 Und doch muss ich ständig daran denken und bin vor lauter Grübeln am Boden zerstört.«
21 Aber eine Hoffnung bleibt mir noch, an ihr halte ich trotz allem fest:
22 Die Güte des HERRN hat kein Ende, sein Erbarmen hört niemals auf,
23 es ist jeden Morgen neu! Groß ist deine Treue, o Herr!
24 Darum setze ich meine Hoffnung auf ihn, der HERR ist alles, was ich brauche.
25 Denn der HERR ist gut zu dem, der ihm vertraut und ihn von ganzem Herzen sucht.
26 Darum ist es das Beste, geduldig zu sein und auf die Hilfe des HERRN zu warten.
27 Und es ist gut für einen Menschen, wenn er schon früh lernt, Schweres zu tragen.
28 Wenn Gott ihm die Last auferlegt, soll er es annehmen und nicht aufbegehren.
29 Demütig beuge er sich tief in den Staub, vielleicht gibt es ja noch Hoffnung für ihn.
30 Wenn man ihn schlägt, soll er die Wange hinhalten und die Demütigung still ertragen.
31 Denn wenn der Herr einen Menschen verstößt, dann tut er es nicht für immer und ewig.
32 Er lässt ihn zwar leiden, aber erbarmt sich auch wieder, denn seine Gnade und Liebe ist groß.
33 Wenn er strafen muss, hat er keine Freude daran, sondern das Leid seiner Kinder schmerzt ihn auch selbst.
34 Es gibt so viel Unrecht in diesem Land: Die Gefangenen werden mit Füßen getreten,
35 vor den Augen des höchsten Gottes bringt man Unschuldige um ihr Recht.
36 Vor Gericht wird gelogen und betrogen – meint ihr etwa, der Herr sieht das nicht?
37 Wer kann etwas geschehen lassen, wenn der Herr es nicht befiehlt?
38 Alles Glück haben wir ihm zu verdanken, und genauso kommt das Unglück aus seiner Hand.
39 Solange wir leben, brauchen wir uns nicht zu beklagen. Sind es nicht unsere Sünden, für die Gott uns bestraft?
40 Kommt, wir wollen unser Leben sorgfältig prüfen und wieder zurückkehren zum HERRN!
41 Ihm wollen wir unsere Herzen öffnen, zu unserem Gott im Himmel die Hände erheben:
42 »Herr, wir haben gesündigt und dir die Treue gebrochen – und das hast du uns nicht vergeben!
43 Stattdessen hast du dich in Zorn gehüllt, du hast uns verfolgt und erbarmungslos getötet!
44 In einer dichten Wolke hast du dich verborgen, kein Gebet konnte mehr zu dir durchdringen.
45 Du hast dafür gesorgt, dass die Völker uns wie Dreck behandeln, zum Abschaum der Menschheit sind wir geworden.
46 Unsere Feinde stecken die Köpfe zusammen und zerreißen sich das Maul über uns.
47 Angst und Schrecken haben uns gepackt, überall erlebten wir Zerstörung und Tod.«
48 Mein geliebtes Volk ist dem Untergang nahe, darum muss ich hemmungslos weinen.
49 Unaufhörlich fließen meine Tränen. Ich werde so lange keine Ruhe finden,
50 bis der HERR vom Himmel herabschaut und unser Schicksal endlich beachtet.
51 Mir bricht das Herz, wenn ich sehe, wie es den Frauen in der Stadt ergeht.
52 Ich habe meinen Feinden nichts getan, doch sie haben mich gefangen wie einen Vogel.
53 Sie stürzten mich lebend in einen Brunnen und warfen Steine auf mich herab.
54 Das Wasser schlug über mir zusammen, und ich dachte schon: »Das ist das Ende!«
55 Da schrie ich zu dir um Hilfe, o HERR, tief unten aus der Grube flehte ich dich an,
56 deine Ohren nicht vor mir zu verschließen. Und wirklich: Du hast mich erhört!
57 Als ich rief, kamst du mir ganz nahe und sprachst: »Fürchte dich nicht!«
58 Herr, du bist für mich eingetreten und hast mein Leben gerettet.
59 Du weißt, wie viel Unrecht ich erleiden musste. HERR, schaffe du mir nun Recht!
60 Du kennst die Rachsucht meiner Feinde und die Pläne, die sie gegen mich schmieden.
61 HERR, du hast gehört, wie sie mich schmähen, ihre finsteren Intrigen sind dir nicht verborgen.
62 Tagein, tagaus verhöhnen sie mich, immer ziehen sie über mich her.
63 Sieh sie dir an und hör doch die Spottlieder, die sie von früh bis spät über mich singen!
64 Ich bitte dich: Vergelte es ihnen, o HERR! Gib ihnen den gerechten Lohn für ihre Taten!
65 Lass ihre Herzen hart und verblendet sein, ja, möge dein Fluch über sie kommen!
66 Verfolge sie, bis dein Zorn sie trifft, und lass sie von deiner Erde verschwinden!
1 Das dritte Kap. ist wie die beiden ersten ein Akrostichon, nur mit dem Unterschied, dass hier zusätzlich jede Strophenzeile mit dem Anfangsbuchstaben der Strophe beginnt.
2 o. Fürwahr; o. Ja
3 Das kann bedeuten: gleich den längst Verstorbenen, o. gleich den für ewig Toten
4 w. er machte meine Bronze schwer
5 d. h. er hat meine Pfade ungangbar gemacht, o. er ließ mich krumme Wege gehen
6 o. versperrte mir den Weg mit Dornen
7 Eine griech. Üs. liest: und er lähmte mich
8 o. öde
9 w. Er trat seinen Bogen; d. h. um ihn zu krümmen
10 d. h. den Bewohnern von Jerusalem; viele hebr. Handschr. und 4 Handschr. von LXX überliefern: allen Völkern
11 w. sich zerreiben
12 LXX: Er verstieß; Vulg. und die syr. Üs.: Es ist verstoßen
13 o. aus dem Wohlergehen
14 o. Gutes
15 Andere üs. mit Textänderung: Vertrauen
16 o. und meine Hoffnung ist fern von dem HERRN
17 o. deshalb
18 so mit einer hebr. Handschr., der syr. und aram. Üs.; Mas. T.: Die Gnadenerweise des HERRN sind es, dass wir nicht zu Ende sind
19 w. Losanteil. - Der Begriff wird ursprünglich im Zusammenhang mit der Verlosung des Landes durch Josua verwendet und steht dann allgemein für den Landbesitz der Stämme und des Einzelnen.
20 w. dass man hofft, und zwar schweigend,
21 d. h. er schweige
22 o. erniedrigt
23 d. h. vom Unglück nicht tödlich getroffen wurde
24 o. er werde Herr über seine Sünden
25 Andere üs. mit veränderter Vokalisierung: Lasst uns unsere Herzen, nicht unsere Hände erheben
26 w. In Wasserbächen geht mein Auge nieder
27 w. Mein Auge tut meiner Seele weh
28 o. Sie brachten in der Grube mein Leben zum Schweigen
29 so mit LXX; Mas. T.: Verbirg dein Ohr nicht - zu meiner Erleichterung - vor meinem Schreien!
30 w. Du strittest, Herr, die Rechtsstreite meiner Seele
31 o. Unterdrückung
32 w. Entscheide (richte) mein Recht. - Andere üs. mit Textänderung: Du hast mir zu meinem Recht verholfen.
33 Andere lesen mit Änderung eines Buchstabens: Verleumdungen
34 o. jeden
35 o. Du wirst an ihnen Vergeltung üben . . . Du wirst ihnen Verblendung . . . geben usw.

Klage und Trost eines Leidenden

1 Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute seines Grimmes.
2 Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht.
3 Er hat seine Hand gewendet gegen mich und erhebt sie gegen mich Tag für Tag.
4 Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen.
5 Er hat mich ringsum eingeschlossen und mich mit Bitternis und Mühsal umgeben.
6 Er hat mich in Finsternis versetzt wie die, die längst tot sind.
7 Er hat mich ummauert, dass ich nicht herauskann, und mich in harte Fesseln gelegt.
8 Und wenn ich auch schreie und rufe, so stopft er sich die Ohren zu vor meinem Gebet.
9 Er hat meinen Weg vermauert mit Quadern und meinen Pfad zum Irrweg gemacht.
10 Er hat auf mich gelauert wie ein Bär, wie ein Löwe im Verborgenen.
11 Er lässt mich den Weg verfehlen, er hat mich zerfleischt und zunichtegemacht.
12 Er hat seinen Bogen gespannt und mich dem Pfeil zum Ziel gegeben.
13 Er hat mir seine Pfeile in die Nieren geschossen.
14 Ich bin ein Hohn für mein ganzes Volk und täglich ihr Spottlied.
15 Er hat mich mit Bitterkeit gesättigt und mit Wermut getränkt.
16 Er hat mich auf Kiesel beißen lassen, er drückte mich nieder in die Asche.
17 Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben; ich habe das Gute vergessen.
18 Ich sprach: Mein Ruhm und meine Hoffnung auf den HERRN sind dahin.
19 Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Bitterkeit getränkt bin!
20 Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt mir's.
21 Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch:
22 Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.
26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.
27 Es ist ein köstlich Ding für einen Mann, dass er das Joch in seiner Jugend trage.
28 Er sitze einsam und schweige, wenn Gott es ihm auferlegt,
29 und stecke seinen Mund in den Staub; vielleicht ist noch Hoffnung.
30 Er biete die Backe dar dem, der ihn schlägt, und lasse sich viel Schmach antun.
31 Denn der Herr verstößt nicht ewig;
32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.
33 Denn nicht von Herzen plagt und betrübt er die Menschen.
34 Wenn man alle Gefangenen auf Erden unter die Füße tritt
35 und eines Mannes Recht vor dem Allerhöchsten beugt
36 und eines Menschen Sache verdreht, – sollte das der Herr nicht sehen?
37 Wer darf denn sagen, dass solches geschieht ohne des Herrn Befehl
38 und dass nicht Böses und Gutes kommt aus dem Munde des Allerhöchsten?
39 Was murren denn die Leute im Leben, ein jeder über die Folgen seiner Sünde?
40 Lasst uns erforschen und prüfen unsern Wandel und uns zum HERRN bekehren!
41 Lasst uns unser Herz samt den Händen aufheben zu Gott im Himmel!
42 Wir, wir haben gesündigt und sind ungehorsam gewesen, darum hast du nicht vergeben.
43 Du hast dich in Zorn gehüllt und uns verfolgt und ohne Erbarmen getötet.
44 Du hast dich mit einer Wolke verdeckt, dass kein Gebet hindurchkonnte.
45 Du hast uns zu Kehricht und Unrat gemacht unter den Völkern.
46 Alle unsere Feinde reißen ihr Maul auf über uns.
47 Wir werden gedrückt und geplagt mit Schrecken und Angst.
48 Wasserbäche rinnen aus meinen Augen über den Jammer der Tochter meines Volks.
49 Meine Augen fließen und können's nicht lassen, und es ist kein Aufhören da,
50 bis der HERR vom Himmel herabschaut und darein sieht.
51 Mein Auge macht mir Schmerzen wegen all der Töchter meiner Stadt.
52 Meine Feinde haben mich ohne Grund gejagt wie einen Vogel.
53 Sie haben mein Leben in der Grube zunichtegemacht und Steine auf mich geworfen.
54 Wasser hat mein Haupt überschwemmt; da sprach ich: Nun bin ich verloren.
55 Ich rief aber deinen Namen an, HERR, unten aus der Grube,
56 und du erhörtest meine Stimme: »Verbirg deine Ohren nicht vor meinem Seufzen und Schreien!«
57 Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief, und sprachst: Fürchte dich nicht!
58 Du führst, Herr, meine Sache und erlöst mein Leben.
59 Du siehst, HERR, wie mir Unrecht geschieht; hilf mir zu meinem Recht!
60 Du siehst, wie sie Rache üben wollen, und kennst alle ihre Gedanken gegen mich.
61 HERR, du hörst ihr Schmähen und alle ihre Anschläge gegen mich,
62 die Reden meiner Widersacher und ihr Geschwätz über mich den ganzen Tag.
63 Sieh doch: Ob sie sitzen oder aufstehen, singen sie über mich Spottlieder.
64 Vergilt ihnen, HERR, wie sie verdient haben!
65 Lass ihnen das Herz verstockt werden, lass sie deinen Fluch fühlen!
66 Verfolge sie mit Grimm und vertilge sie unter dem Himmel des HERRN.
1 Das dritte Kap. ist wie die beiden ersten ein Akrostichon, nur mit dem Unterschied, dass hier zusätzlich jede Strophenzeile mit dem Anfangsbuchstaben der Strophe beginnt.
2 o. Fürwahr; o. Ja
3 Das kann bedeuten: gleich den längst Verstorbenen, o. gleich den für ewig Toten
4 w. er machte meine Bronze schwer
5 d. h. er hat meine Pfade ungangbar gemacht, o. er ließ mich krumme Wege gehen
6 o. versperrte mir den Weg mit Dornen
7 Eine griech. Üs. liest: und er lähmte mich
8 o. öde
9 w. Er trat seinen Bogen; d. h. um ihn zu krümmen
10 d. h. den Bewohnern von Jerusalem; viele hebr. Handschr. und 4 Handschr. von LXX überliefern: allen Völkern
11 w. sich zerreiben
12 LXX: Er verstieß; Vulg. und die syr. Üs.: Es ist verstoßen
13 o. aus dem Wohlergehen
14 o. Gutes
15 Andere üs. mit Textänderung: Vertrauen
16 o. und meine Hoffnung ist fern von dem HERRN
17 o. deshalb
18 so mit einer hebr. Handschr., der syr. und aram. Üs.; Mas. T.: Die Gnadenerweise des HERRN sind es, dass wir nicht zu Ende sind
19 w. Losanteil. - Der Begriff wird ursprünglich im Zusammenhang mit der Verlosung des Landes durch Josua verwendet und steht dann allgemein für den Landbesitz der Stämme und des Einzelnen.
20 w. dass man hofft, und zwar schweigend,
21 d. h. er schweige
22 o. erniedrigt
23 d. h. vom Unglück nicht tödlich getroffen wurde
24 o. er werde Herr über seine Sünden
25 Andere üs. mit veränderter Vokalisierung: Lasst uns unsere Herzen, nicht unsere Hände erheben
26 w. In Wasserbächen geht mein Auge nieder
27 w. Mein Auge tut meiner Seele weh
28 o. Sie brachten in der Grube mein Leben zum Schweigen
29 so mit LXX; Mas. T.: Verbirg dein Ohr nicht - zu meiner Erleichterung - vor meinem Schreien!
30 w. Du strittest, Herr, die Rechtsstreite meiner Seele
31 o. Unterdrückung
32 w. Entscheide (richte) mein Recht. - Andere üs. mit Textänderung: Du hast mir zu meinem Recht verholfen.
33 Andere lesen mit Änderung eines Buchstabens: Verleumdungen
34 o. jeden
35 o. Du wirst an ihnen Vergeltung üben . . . Du wirst ihnen Verblendung . . . geben usw.
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