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Elberfelder Bibel

Klage des Propheten über sein und des Volkes Elend - Anerkenntnis der Treue Gottes - Aufruf zum Sündenbekenntnis - Bitte um Rettung und Vergeltung an den Feinden

1 1Ich bin der Mann, der Elend sah durch die Rute seines Grimmes.
2 Mich trieb er weg und ließ mich gehen in Finsternis und ohne Licht.
3 Nur2 gegen mich wendet er immer wieder seine Hand, jeden Tag.
4 Verfallen ließ er mein Fleisch und meine Haut, zerbrach meine Knochen,
5 umbaute und umgab mich mit Gift und Mühsal.
6 Er ließ mich wohnen in Finsternissen, wie die Toten der Urzeit3.
7 Er ummauerte mich, dass ich nicht herauskann; er legte mich in schwere, bronzene Ketten4.
8 Auch wenn ich schrie und um Hilfe rief, verschloss er sein Ohr vor meinem Gebet.
9 Er vermauerte meine Wege mit Quadersteinen, kehrte meine Pfade um5.
10 Ein lauernder Bär war er mir, ein Löwe im Versteck.
11 Er ließ mich vom Weg abirren6, zerfleischte mich7 und machte mich menschenleer8.
12 Er spannte seinen Bogen9 und stellte mich hin als Ziel für den Pfeil.
13 Er ließ in meine Nieren dringen die Söhne seines Köchers.
14 Ich wurde meinem ganzen Volk10 zum Gelächter, ihr Spottlied bin ich jeden Tag.
15 Er sättigte mich mit bitteren Kräutern und tränkte mich mit Wermut.
16 Und er ließ auf Kies meine Zähne beißen11, er trat mich nieder in den Staub.
17 Du verstießest12 meine Seele aus dem Frieden13, ich habe vergessen, was Glück14 ist.
18 Und ich sagte: Verloren ist mein Glanz15 und meine Hoffnung auf den HERRN16.
19 An mein Elend und meine Heimatlosigkeit zu denken, bedeutet Wermut und Gift!
20 Und doch denkt und denkt meine Seele daran und ist niedergedrückt in mir.
21 Doch dies will ich mir in den Sinn zurückrufen, darauf17 will ich hoffen:
22 Ja, die Gnadenerweise des HERRN sind nicht zu Ende18, ja, sein Erbarmen hört nicht auf,
23 es ist jeden Morgen neu. Groß ist deine Treue.
24 Mein Anteil19 ist der HERR, sagt meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen.
25 Gut ist der HERR zu denen, die auf ihn harren, zu der Seele, die nach ihm fragt.
26 Es ist gut, dass man schweigend hofft20 auf die Rettung des HERRN.
27 Gut ist es für den Mann, wenn er das Joch in seiner Jugend trägt.
28 Er sitze einsam und schweige, wenn er es ihm auferlegt.
29 Er lege seinen Mund in den Staub21, vielleicht gibt es Hoffnung.
30 Er biete dem, der ihn schlägt, die Wange, sättige sich an Schmach.
31 Denn nicht für ewig verstößt der Herr,
32 sondern wenn er betrübt hat, erbarmt er sich nach der Fülle seiner Gnadenerweise.
33 Denn nicht von Herzen demütigt22 und betrübt er die Menschenkinder.
34 Dass man alle Gefangenen des Landes unter seinen Füßen zertritt,
35 dass man das Recht eines Mannes beugt vor dem Angesicht des Höchsten,
36 dass man einen Menschen irreführt in seinem Rechtsstreit - sollte der Herr es nicht sehen?
37 Wer ist es, der da sprach, und es geschah - und der Herr hat es nicht geboten?
38 Kommt nicht aus dem Mund des Höchsten das Böse und das Gute hervor?
39 Was beklagt sich der Mensch, der noch am Leben ist23, was beklagt sich der Mann über seine Sündenstrafe?24
40 Prüfen wollen wir unsere Wege und erforschen und umkehren zu dem HERRN!
41 Lasst uns unser Herz samt den Händen erheben25 zu Gott im Himmel!
42 Wir, wir haben die Treue gebrochen und sind widerspenstig gewesen; du aber, du hast nicht vergeben.
43 Du hast dich in Zorn gehüllt und hast uns verfolgt; du hast uns umgebracht ohne Mitleid.
44 Du hast dich in eine Wolke gehüllt, so dass kein Gebet hindurchdrang.
45 Du hast uns zum Kehricht und zum Ekel gemacht mitten unter den Völkern.
46 Alle unsere Feinde reißen ihren Mund über uns auf.
47 Grauen und Grube sind uns zuteilgeworden, Untergang und Zusammenbruch.
48 Wasserbäche lässt mein Auge fließen26 wegen des Zusammenbruchs der Tochter meines Volkes.
49 Mein Auge ergießt sich und kommt nicht zur Ruhe, tränt unaufhörlich,
50 bis der HERR vom Himmel herunterschaut und hinsieht.
51 Mein Auge schmerzt mich27 wegen all der Töchter meiner Stadt.
52 Wie einen Vogel jagten und jagten mich jene, die grundlos meine Feinde sind.
53 Sie stürzten mein Leben in die Grube28 und warfen Steine auf mich.
54 Wasser strömte über mein Haupt. Ich sagte mir: Ich bin vom Leben abgeschnitten!
55 Da rief ich deinen Namen an, HERR, aus der Grube tief unten.
56 Du hast meine Stimme gehört. Verbirg dein Ohr nicht vor meinem Seufzen, meinem Schreien29!
57 Du nahtest an dem Tag, als ich dich anrief; du sprachst: Fürchte dich nicht!
58 Du hast, Herr, meinen Rechtsstreit geführt30, hast mein Leben erlöst.
59 Du, HERR, hast meine Entrechtung31 gesehen. Verhilf mir zu meinem Recht32!
60 Du hast gesehen all ihre Rachgier, alle ihre Pläne gegen mich.
61 Gehört hast du ihr Schmähen, HERR, alle ihre Pläne33 gegen mich,
62 das Gerede derer, die gegen mich aufgetreten sind, und ihren Spott über mich den ganzen34 Tag.
63 Ihr Sitzen und ihr Aufstehen schau dir an! Ich bin ihr Spottlied.
64 Übe an ihnen Vergeltung, HERR, nach dem Werk ihrer Hände!
65 Gib ihnen Verblendung des Herzens35! Dein Fluch komme über sie!
66 Jage ihnen nach im Zorn und rotte sie aus unter dem Himmel des HERRN!
1 Das dritte Kap. ist wie die beiden ersten ein Akrostichon, nur mit dem Unterschied, dass hier zusätzlich jede Strophenzeile mit dem Anfangsbuchstaben der Strophe beginnt.
2 o. Fürwahr; o. Ja
3 Das kann bedeuten: gleich den längst Verstorbenen, o. gleich den für ewig Toten
4 w. er machte meine Bronze schwer
5 d. h. er hat meine Pfade ungangbar gemacht, o. er ließ mich krumme Wege gehen
6 o. versperrte mir den Weg mit Dornen
7 Eine griech. Üs. liest: und er lähmte mich
8 o. öde
9 w. Er trat seinen Bogen; d. h. um ihn zu krümmen
10 d. h. den Bewohnern von Jerusalem; viele hebr. Handschr. und 4 Handschr. von LXX überliefern: allen Völkern
11 w. sich zerreiben
12 LXX: Er verstieß; Vulg. und die syr. Üs.: Es ist verstoßen
13 o. aus dem Wohlergehen
14 o. Gutes
15 Andere üs. mit Textänderung: Vertrauen
16 o. und meine Hoffnung ist fern von dem HERRN
17 o. deshalb
18 so mit einer hebr. Handschr., der syr. und aram. Üs.; Mas. T.: Die Gnadenerweise des HERRN sind es, dass wir nicht zu Ende sind
19 w. Losanteil. - Der Begriff wird ursprünglich im Zusammenhang mit der Verlosung des Landes durch Josua verwendet und steht dann allgemein für den Landbesitz der Stämme und des Einzelnen.
20 w. dass man hofft, und zwar schweigend,
21 d. h. er schweige
22 o. erniedrigt
23 d. h. vom Unglück nicht tödlich getroffen wurde
24 o. er werde Herr über seine Sünden
25 Andere üs. mit veränderter Vokalisierung: Lasst uns unsere Herzen, nicht unsere Hände erheben
26 w. In Wasserbächen geht mein Auge nieder
27 w. Mein Auge tut meiner Seele weh
28 o. Sie brachten in der Grube mein Leben zum Schweigen
29 so mit LXX; Mas. T.: Verbirg dein Ohr nicht - zu meiner Erleichterung - vor meinem Schreien!
30 w. Du strittest, Herr, die Rechtsstreite meiner Seele
31 o. Unterdrückung
32 w. Entscheide (richte) mein Recht. - Andere üs. mit Textänderung: Du hast mir zu meinem Recht verholfen.
33 Andere lesen mit Änderung eines Buchstabens: Verleumdungen
34 o. jeden
35 o. Du wirst an ihnen Vergeltung üben . . . Du wirst ihnen Verblendung . . . geben usw.
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